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“Your backage lost.” Koh Samui, 05.06.13
35 Grad. Die 100% Baumwoll Jogging-Hose hängt schwer wie nass vom Bund. Das T-Shirt riecht schon lange nicht mehr. Inhalation von 16 Stunden Eigen-Körperschweiss. Ergebnis: kein Ergebnis. Nur mit mir, mein Handgepäck. Erbarmungsloser digitaler Unrat. Bin versucht eine Badehose bei amazon zu bestellen und abzuwarten, welcher meiner Aufträge mich zuerst erreicht, der Transport meines Gepäckstücks EY208817 oder Prime-Service. Ob der Ventilator des Laptop wohl für Deplug & Cool sich eignet.

Koh Phangan, 05.06.2013
“Your backage will come today afternoon. Can pick up at peer.”
“Es gibt schlimmeres.” – als unter Palmen, zwischen Banananstauden, auf der Veranda eines kleinen Bungalows in den Seilen einer Hängematte zu existieren und in den eindringlichen Blick des Meeres zu sinken. Aber wie hören, ohne angekommen zu sein, wie sehen, wie wissen, dass ich schon angekommen bin. Wann weiss man, dass man angekommen ist. Ist das der Beginn meiner Ankunft, DER Ankunft? Jetzt nicht gleich den Hippie Auslauf lassen nur weil das Paradies so bodenfest erscheint.

Sand.
Between my toes.
Like a creaky kiss at dawn.
Curled spotting stars.
Embracing Hydra-Escapism.

“I give a fuck about my backpack, just so glad to be here.” I do care, i fuckin DO care, but nobody has to know, don´t be such a tourist, like, like tourists are. Whatever.
Ich schwitze. Keine Perlen. In Flutungen. Der Gang ins Meer ist doch ein wichtiger, der erste Schluck Salz in der Nase, das zweite, dritte, immerwiederaufsneuemal, zu versuchen zu verstehen. Habe ich mich gefreut vor der Abreise? Habe ich gewusst, dass ich mich freuen darf? Warum freue ich mich… jetzt… zu wenig, zu belanglos. Ich stehe wohl kaum an einer Bushaltestelle und warte aufs nächste Taxi. Das hier ist grösser, besser, planloser und freier als ich vermutet hatte. Ich kann mich nicht freuen, dazu ist es einfach noch zu gut. Später mal, wenn eine Form von Alltag mich begleitet, dann werde ich mich freuen, dass ich keinen Alltag habe.
Freiheit ist nicht zu wissen, was als nächstes geschieht, geschehen wird, was geschehen sein wird. Freiheit ist eine spontane Unbefangenheit der Zeit. Raumlos. Leer. Unbequem. – Ich bin der Raum! Ich bin der Raum, in dem willentief der Nachdruck aus Entscheidung wurzelt. Ich biss in den Apfel. Nur die Kerne spuckte ich aus, in der Hoffung daraus könnte ein Leben in Sünde erwachsen.
Blödes Gewäsch. Das hilft alles nichts gegen. Der erste Sonnenuntergang. Bloodsuckin misanthropists striking out of the green mist. Ich vermisse mein Anti-Moskito-Spray –Pazifistennapalm! Wo wird oder fliegt es gerade umher? In einem dunklen schwarzen Sack mit anderen nutzlosen Dingen, sich fern ihres Users befinden. Nirgendwo zwischen München und Koh Samui. Aber was wäre das Paradies ohne Engel. Ich bin geschützt, nur die 24 Stiche jucken reizend – ich davontragen musste vor dem Fronturlaub – 21 an den Füssen, 2 auf der Hauptoberseite, um den letzten konnte ich mich noch nicht kratzen. Die Hose wird leichter, sie klammert sich um meine Beine mit ihren ganzen 100%. Das Shirt stinkt immer noch und vielleicht noch mehr, ich wage nicht mehr mit Steigerungsformen zu entscheiden.
Womöglich ist das ein Zeichen, ein idotischer Wink des Schicksal, das dem Zufall mit zu viel Blöße kleidet. Ja natürlich! Ich wandere mit dem was mir das Schicksal, dieser Bastard dämlich willkürlicher Freiheitsblessuren, liess. Laptop, Kamera, Plastikkarten, zum Geld kaufen, ein hohes paar Schuhe, dicke Socken, eine Baumwollhose, 100%, und ein Black Sabbath Tourshirt. Sonnenbrille, iPod, Kopfhörer und der Rest an Kleinkram. Keine Zahnbürste. Und so werde ich zu laufen begonnen haben, Schritt für Schritt, bis ich die Kleidung nicht mehr trug und diese, nutzlos wie eine Beinprothese in der Schwerelosigkeit, dramaturgisch beachtenswert im Strassengraben liegen lasse. Und ich dokumentiere dies, natürlich, wozu sonst die Kamera und der Laptop und die Dramaturgie. Das Schicksal möchte, dass ich dieses Zeitdokument öffne, eine neues Kapitel schreibe, nicht nur ein bisschen rumradieren und mal was verrücktes machen. Nein. Das ist der Wahnsinn! Total crazy. Krass. Fette Idee! Durchgeknallt und total bescheuert.
Ich bin doch nicht in Freiheit, dass ich auch hier jeden Dünnfurz des Zufalls zu einer Perle des Schicksal Fügung mir formen darf, mir um den Hals hängen wie ein Martyrium aus Kreuz und zuletzt auch noch als Sinn zu erkennen habe. Als Geschenk.

Mittlerweile bin ich total breit.
Von 12 auf 35 Grad.
Transfer arabisches Höllenfeuer 45 Grad.
Das permanente Brummen der mechanischen Fliegerei.
Kleine Ohrmotoren.
Kein Schlaf.
Das Essen.
Die Luft.
Die unbewegliche Bewegung des Stillstands in der mechanischen Beschleunigung.
Die Gesprächfetzen aus den Nachbarreihen.
Die Freude.
Die Erschöpfung.
Das Adrenalin.
Mir ist kotzübel.

Doch nun hier zu sein ist zu wunderbar, als dass ich mir weiter Gedanken machen möchte. Ich bin angekommen im LOST. Ich zwinge mich noch dazu, bevor ich komplett in die Breite gehe, nochmal anzurufen.
“Ah don´t worry, ok, will come tomorrow morning, boat at 8 o´clock, pick up at 8.30. Ok?”
Ob ich dann schon wach sein werde? Und wenn nicht?
Genau. Eben. Darum.

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Koh Phangan
Foto
Shambhala Bungalow Village, Bungalow 5